Das Familienproblem als Einleitung zu den Eheproblemen
Heute ist das Ehe- und Familienproblem an der Tagesordnung; zu seiner Erörterung muss man ein Minimum an genauen psychologischen Kenntnissen besitzen, um zu vermeiden, in eine Sackgasse zu geraten, oder an vorgefassten Ideen hängen zu bleiben.
Wenn wir die Frage der Geburtenhäufigkeit untersuchen, die mit den Eheproblemen und -konflikten in ihrer konkreten Wirklichkeit eng verknüpft ist, wird es uns möglich sein, einige dieser Kenntnisse zu erwerben.
Heer, Staat und Kirche predigen vereint gegen den Geburtenrückgang.
Das Heer braucht natürlich immer Soldaten. In gewissen Ländern ist man daher im schlecht verstandenen Interesse der Rasse mehr auf den physischen als auf den seelischen Wert des Nachwuchses bedacht.
Der kapitalistisch orientierte Staat ist, wie ein Grundbesitzer oder ein Industrieller, auf der Suche nach Maschinenmenschen, billigen Arbeitskraften, und dadurch ist er geneigt, den Menschen als ein Mittel und nicht als eine Person zu betrachten.
Der proletarische Staat ist bestrebt, die Unterdrücker zu beseitigen und den Unterdrückten zu ihrem Recht zu verhelfen; diese erwarten mit mehr oder weniger Zuversicht die Verwirklichung des irdischen Paradieses, die, wie sie glauben, durch das Anwachsen und das Machtigerwerden der Arbeitermassen noch beschleunigt werden kann.
Aus diesen verschiedenen Gründen verteilen mehrere Staaten Prämien an die kinderreichen Familien, ohne natürlich die Tatsache zu berücksichtigen, dass das Anwachsen der Familie die Möglichkeiten des ehelichen Glückes in gewissen Fällen vermindern kann, wie wir später sehen werden. Tatsächlich sind die kinderreichen Familien in den armen Bevölkerungsschichten nur allzu oft die Folge von Trunksucht oder eines Mangels an Kontrolle.
lm allgemeinen scheint der Wettlauf auf dem Gebiete der Kindererzeugung wie auf dem der Aufrüstung notwendigerweise Katastrophen herbeizuführen, wie diejenigen unserer Epoche. Wenn auch heutzutage die Gefahr der Übervölkerung abgenommen hat, so gab es doch früher eine Zeit, wo sie die Schweizer z.B. nötigte, sich ausserhalb ihrer Grenzen zu schlagen.
Auch die Kirche hat ihre Gründe, ihren Reichtum an Menschen zu vergrössern, denn sie geht von der Ansicht aus, Gottes Herrlichkeit werde sich im Jenseits durch eine mächtige, siegreiche Kirche besser offenbaren können, und ausserdem sucht jede einzelne Kirche über ihre Nachbarinnen im allgemeinen mehr durch die Zahl als durch den Wert ihrer Mitglieder zu triumphieren.
Es gibt aber noch eine sehr menschliche Triebfeder, die zur Kindervermehrung anregt und die mächtiger ist als alle Staatsgründe und alle Forderungen des Heeres und der Kirche; sie rührt von der unbewussten Moral eines jeden her.
Betrachten wir etwas naher die Bedeutung der Motive, die sich der religiöse Mensch gibt, um das Anwachsen seiner Familie zu ertragen: "Gott schenkt uns die Kinder, daran kann man nichts andern", oder: "Es handelt sich um einen Dienst, dessentwillen wir aufunseren Egoismus verzichten müssen, um einen Beweis des Gehorsams gegen Gott".
Tatsächlich sehen viele darin ein Opfer, das einem Fluch sehr ähnlich sieht. Der Autor der Sündenfallerzählung betrachtet ebenfalls die Schwangerschaft und die Niederkunft unter dem Zeichen des Fluches.
Als Gott sich an die Frau wandte, sagte Er zu ihr : "Ich werde die Leiden deiner Schwangerschaften vermehren, und du wirst unter Schmerzen gebaren". Warum dies ? Weil die Frau gesehen hatte, dass sie nackt war, d. h. weil ihre Augen sich durch die Kenntnis des geschlechtlichen Vergnügens geöffnet hatten.
Es ist eine bekönnte Tatsache, dass die kinderlose Frau ein wenig wie eine Prostituierte angesehen wurde, die den Preis der Lust nicht bezahlt, da sie geniessen will, ohne zu leiden. In diesem Sinn meinte der heilige Augustin, dass "die Frau sich nur verheiraten soll, wenn sie Mutter werden will" (Contra Faustum B 19, Kap. 26). (I Timotheus 2/15). Zu unserer Zeit dachte Pourésy, der Apostel der Ethik in Frankreich, folgendermassen darüber: "Es kann vorkommen, dass trotz der glühendsten Wünsche Kinder zu haben, die Ehe aus bekönnten oder aus unbekönnten, geheimnisvollen Gründen unfruchtbar bleibt. Dies wird für die Ehegatten immer ein grosses Unglück sein. Aber welche Gewissensruhe und welcher Frieden werden ihnen in diesem Unglück entstehen, wenn keiner von ihnen weder für sich allein noch gemeinsam mit dem andern des geringsten Betruges schuldig ist und die geringste Handlung ehelicher Selbstsucht begangen hat".
Im Grunde ist diese moralische Entrüstung über die Lust, sowie das Verhalten der tugendhaften Frau gegenüber der Dirne, wie Nietzsche es sehr gut diagnostiziert hat, eine Art verkleideten Neids; die unbewusste Moral betrachtet das Kind als den Preis, der für die geschlechtliche Wollust zu zahlen ist und diese rechtfertigt.
So kann man fragen: welches Argument bleibt zu Gunsten der Familie übrig, das nicht ein passiver Gehorsam gegenüber dem sozialen und religiösen Druck oder ein Tribut wäre, das der Mensch an seine unbewusste oder infantile Moral bezahlt ? Vielleicht besteht auch noch das aus Vater- und Mutterliebe entspringende Bedürfnis patriarchaler und matriarchaler Herrschaft, aber tatsächlich und glücklicherweise tritt noch eine Tatsache hinzu, nämlich dass ein glückliches Ehepaar naturgemäss bestrebt sein wird, Kinder zu erzeugen, weil die Liebe immer schöpferisch ist. Was die Kinderzahl betrifft, so wird sie vernunftmässigen Motiven gehorchen müssen.
Gewisse Soziologen, die eine schlechte Erinnerung an ihre Kindheit bewahrt haben, haben versucht, mittels der Psychoanalyse die Familie anzugreifen: "Da die Neurosen aus Familienspannungen entspringen, so schaffen wir die Familie ab, und man wird nicht mehr von Komplexen sprechen". Seinem Wesen nach ist der Staat immer bestrebt, das Individuum aufzuzehren, und je besser ihm dies gelingt, um so mehr droht dem Einzelmenschen die Gefahr sein "Ich" zu verlieren; er sucht es dann wiederzuerlangen, indem er der Wirklichkeit entflieht oder sich mit Hilfe einer Sucht oder eines neurotischen Ideals absondert. In den meisten Urgesellschaften sucht der Stamm ebenfalls von der Pubertät an die Familie zu ersetzen. Diese übertriebene Vergesellschaftung, die die Familiengrundlage zerstört oder ihr zu wenig Raum lässt, gestattet dem Individuum nicht, das Stadium der menschlichen Person zu erreichen.
Die Art und Weise, auf die jeder von uns individuell die Familienfrage löst, ist sozusagen ein Schlüssel für sein Verständnis der Eheprobleme.
In welchem Masse stimmt der biblische Standpunkt mit dem psychologischen überein ?
Wenn wir in dieser Frage die Bibel zu Rate ziehen, so werden wir bemerken, dass die wesentlichen Eingebungen ihrer Verfasser, die immer den geistigen Standpunkt zu suchen schienen, mit den Entdeckungen der Psychologie übereinstimmen; das beweist nur, dass die Suche nach Wahrheit zu denselben Ergebnissen führen kann, auch wenn die Ausgangspunkte verschieden sind.
Für die Bibel ist das erste Ziel der Ehe nicht, wie man glauben könnte, das Kind, sondern die Bildung eines Ehepaars; das Kind kommt erst nachher. lm ersten Kapitel der Genesis (Kap. 1-27) wird der Mensch als Mann und Frau geschaffen; im zweiten erscheint die Frau als der Gegenpartner des Mannes, ein jeder von ihnen ist eine Hälfte wert, die ein Ganzes, das menschliche Ehepaar zu bilden bestimmt ist; zusammen, und nicht einzeln, stellen sie das Ebenbild Gottes, das geistige und seelische Gleichgewicht dar. übrigens, wenn in einer der biblischen Erzählungen die aus einer Rippe gebildete Frau nach dem Mann auftritt, so bedeutet dies nicht, dass sie als Person geringer ist als er; vielmehr wird dadurch ausgedrückt, dass in einem patriarchalen Kultursystem die Frau ihr Gleichgewicht nur dann findet, wenn ihr Partner sie im Gefühlsleben durch seine Männlichkeit beherrscht.
Zweifellos muss man ebenfalls in diesem Sinne den klassischen Text der Epistel an die Epheser deuten (5/22, Kol. 3/18, 1. Kor. 14/34, Tit. 2/5, I P 3/1) : "Die Weiber seien untertan ihren Männern als dem Herrn", der sich auf den Leib bezieht, da die Frau ebenso ihrem Gatten gegenüber den Leib darstellt, wie die Kirche Christus, ihrem Haupt, gegenüber.
Jedoch führt dieser Text, der sich in der protestantischen Trauungsliturgie befindet, zur fälschlichen Auffassung, dass sowohl die Person wie das Gefühlsleben der Frau dem Manne unterworfen sein sollen.
Übrigens trägt der Gatte den Trauring, der die Unterwerfung und die eheliche Verbindung versinnbildlicht, erst seit neuerer Zeit. Der Pfarrer P. Jeannet hatte die Schwierigkeit umgangen, indem er folgenden anderen Text benutzte: "Und seid untereinander untertan in der Furcht Gottes" (Eph. 5, 2 1), in dem Sinne, dass "der Mann dem Weibe die schuldige Freundschaft leiste desselbigengleichen das Weib dem Manne" (1. Kor. 7/3, 4).
Hierin gibt es nichts, was nicht dem Ehemann gestattet, seine männliche Rolle zu spielen und der Frau, ihre Weiblichkeit auf affektivem und geschlechtlichem Gebiet zu leben, und zugleich ihre Verantwortlichkeit als Person zu bewahren. Die Frau soll nämlich in ihrem Denken zur Freiheit gelangen, ohne stets das Gefühl zu haben, den Mann nachzuahmen und auf der falschen Fährte zu sein, wenn sie denkt; ebenso wird der Mann nicht mehr handeln als ob er allein auf der Welt ware.
Da das glückliche Ehepaar natürlich schopferisch sein wird, so ist das zweite Ziel der Ehe erreicht.
Für die unbefriedigten Ehepaare - und sie bilden die Mehrzahl - sowie für die meisten ledigen Menschen ist das Kind der "Preis der Liebe", der Gegenstand, wie wir oben bemerkten, eines Handels mit Gott oder die an die unbewusste Moral für die verbotene Geschlechtlichkeit bezahlte Steuer.
Die durch die Bibel anerkönnte Wirklichkeit des Ehepaars sollte die Idee der Schuld ausschliessen, wenn das Paar seine Einheit verwirklicht; die biblischen Schriftsteller sind jedoch dem Tabu der Sexualität nicht entgangen. Zwar unterscheiden die meisten Theologen zwischen den Folgen der Schöpfung und denjenigen des Sündenfalls und Karl Barth drückt sich in seinem Kredo (S. 94) folgendermassen aus : "Die Sünde liegt nicht im Geschlechtsakt, sondern darin, dass der Mensch seinen Willen und seine schöpferische Macht über alles erhaben wähnt".
Diese Verschiebung des sexuellen Schuldgefühls auf den Hochmut oder den Willen zur Macht entspringt aus einer Verdrangung der sexuellen Schuld beim Erwachsenen. (Dank der schlechten sexuellen Erziehung unserer Kinder, scheint diesen die Geschlechtlichkeit als ein Vorrecht der Eltern, die für sie die alten neidischen Götter darstellen, und sie versuchen, ihren Minderwertigkeitskomplex durch prometheische Hochmutsgefühle zu kompensieren.
Übrigens, schliesst der Glaube an den Sündenfallmythus die Idee in sich, dass Gott wie ein Vater auf die Geschlechtlichkeit seiner Sohne eifersüchtig ist, oder dass er nicht weiss, dass der Hochmut des Menschen ein elender Versuch ist, seine Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren.)
Tatsächlich ist die Erzählung des Sündenfalls ganz von der Geschlechtsschande erfüllt; ausserdem erklart im neuen Testament der Apostel Paul in der ersten Epistel an die Korinther (7/1) : "Es ist dem Menschen gut, dass er kein Weib berühre. Aber um der Hurerei willen habe ein jeglicher sein eigen Weib".
Viele Christen begnügten sich damit, in der Erwartung der Rückkehr Christi oder des Weltendes, mit einer Jungfrau mehr oder weniger brüderlich zu zu leben (Kor. 7/38).
Gewiss war der Apostel von dieser Erwartung erfüllt, aber man muss in seiner Einstellung vor allem eine Junggesellenmoral erblicken, ähnlich derjenigen, die den heiligen Augustin in seinen Bekenntnissen sagen liess: "Ich war zu eu ch so stark bekehrt, dass ich keine Frau mehr suchte".
Am Anfang des vierten Jahrhunderts behauptete sogar Methodius, dass die "Jungfraulichkeit das Ziel der Menschwerdung sei".
Im Laufe der Kirchengeschichte haben Theologen diese Ideen in einem dem Eheglück feindlichen Sinn entwickelt. Aus dem Kind, das für ihre unbewusste Moral ein Fluch war, machten sie den ersten Zweck oder das wesentliche Ziel der Ehe. Um die Treue zu erhalten, haben die Kirchenväter den schadlichen Begriff der Ehepflicht erfunden. Und zu diesem Thema erklärt uns Thomas von Aquino in seinen Lösungen (Sup. A 5 Lös. 2) dass "die Ehepflicht erweisen, um den Ehepartner vor der Hurerei zu schützen, keine Sünde sei, da es die Erfüllung der Ehepflicht sei. Sie aber erfüllen, um sich selbst der Hurerei nicht auszusetzen, dies sei eine überflüssige Sache und eine verzeihliche Sünde".
Darauf hat sich jene unlogische Lehre gepfropft, die den Gebrauch von empfängnisverhütenden Mitteln als eine naturwidrige Handlung und den durch Ogino vorgeschlagen ehelichen Verkehr während der Schwangerschaft oder in den unfruchtbaren Perioden als zulässig betrachtet.
Bevor wir versuchen, diese paradoxe Haltung zu erklaren, wollen wir uns vorläufig mit der Feststellung begnügen, dass diese Lehre mehr oder weniger bewusst von der Idee herrührt, das Kind sei die Frucht der Sünde und zugleich ein vom Manne an seine unbewusste Moral bezahlter Tribut, während die Frau, der Gegenstand des Gelüstes, als die Versucherin erscheint.
Wir haben viel Mühe, uns von dieser Betrachtungsweise loszulösen, die von unserer Erziehung stammt, und wir wissen nur zu selten, dass wir uns in dieser Hinsicht befreien sollten, damit unser geistiges Leben nicht von Grund aus eine falsche Richtung einschHigt. Unsere unbewusste oder kindliche Moral stellt eine Verschlechterung der uns durch unsere Eltern auferlegten Moral dar; sie trachtet immer danach, die Pflicht der Lebenslust entgegenzusetzen. Und doch hat gewiss die "Pflicht aus Pflichtfreude" viel weniger Wert, als die aus Lust erfüllte Pflicht.
Gewisse Erzieher schlagen den Heranwachsenden als Beispiel einen jungen Heiligen vor, der niemals eine Frau, nicht einmal seine Mutter, angeblickt hat.
Diese Furcht vor der Sünden-Frau teilt der Ekklesiastikos (25/24), der uns sagt: "Die Sünde kommt von der Frau" und der Psalmist, der im Psalm 51 (51/7) denkt, seine Mutter hatte ihn in oder durch die Sünde empfangen, was dieselbe unbewusste Bedeutung hat. Pater Malebranche hat sogar in seiner "Suche noch der Wahrheit" (Rep. II. abject Art. 12) gefunden, dass die Frau die Ursache der Sünde sei, "da die Sünde sich durch sie mitteilt, so wie der Mann durch sie seine Kinder erzeugt". In der Offenbarung haben nur die 144.000, die sich durch Frauen nicht befleckt haben, Anspruch auf Heil (14/4).
In den Reiniguhgsgesetzen des Levitikus (12/18, 20/18) war die geschlechtliche Abscheu an die Frau während der Menstruation gebunden und reichte bis zur Mutterschaft, die durch den Kirchgang der Wöchnerin feierlich gereinigt werden muss, welcher Gebrauch in der Kirche noch üblich ist.
Die einfache Aufzahlung dieser Lehren sollte uns dazu anregen, unsere kindliche Geistesverfassung aufzugeben, um psychologisch wahrheitsgetreuere Begriffe anzunehmen.
Der Dualismus Leib-Seele entspringt aus der geschlechtlichen Unterdrückung, die das Kind glauben macht, die Sexualität sei etwas an sich Unreines und die Moral bezwecke die Gelüste zu verdrangen. Nun ist es unmöglich, dass der Leib an und für sich etwas übles sei; nur einen schlechten Gebrauch können wir von ihm machen, und zwar infolge unserer Verdrängungen.
Es sei nur daran erinnert, mit welchen Spitzfindigkeiten die Menschen getrachtet haben, ihre Helden und Götter von dem Makel der geschlechtlichen Geburt, der für viele den Urmakel darstellt, zu befreien. Zeus liess Athene aus seinem Haupt und Dionysos aus seinem Schenkel entspringen. Übrigens kann kein Gott oder Held sich einer natürlichen Geburt rühmen; sie mussten alle mehr oder weniger dem entgehen, was der Mensch, ohne sich immer darüber Rechenschaft zu geben, als die Haupt- oder Ursünde betrachtet. Und sogar der 1932 veröffentlichte Katechismus des Kardinals Gasparri gibt die Meinungen des heiligen Zyrillus von Alexandrien (Epist. ad Rom. V/18) und des Thomas von Aquino zustimmend wieder: "Vor dem Sündenfall", sagen sie, "musste Adam sofort fähig sein, Kinder zu erzeugen".
Nachdem wir die Frage des menschlichen Ehepaars und der Empfängnis im Lichte biblischer und theologischer Angaben betrachtet haben, von denen mehrere sich durch ihre Geistigkeit mit den Entdeckungen der Psychologie begegnen, während andere davon in dem Masse abweichen, als sie von menschlichen Tabus angeregt sind, wollen wir uns jetzt der Frage der Polygamie zuwenden.
Zur Zeit der Patriarchen war die Polygamie die Regel, so wie die bei einigen Völkern noch ausgeübte Polyandrie eine Form des matriarchal en Systems ist. Der Begriff des Ehepaares schliesst jedoch die Vielweiberei oder Vielmannerei aus, und die Verfasser der Schöpfungsgeschichte haben sehr einsichtsvoll dem Manne nur eine einzige Frau "gegenübergestellt".
Nach dem was wir soeben gesehen haben, könnte es scheinen, die Monogamie sei eine Erfindung unserer unbewussten Moral, die unsere Geschlechtlichkeit so stark wie möglich einschranken will. Es ist aber ausserdem nicht schwer festzustellen, dass in unserer Kultur nur das monogame Ehepaar glücklich zu sein und das Familienleben der Kinder zu sichern vermag.
Die soziologischen und biologischen Lehren, die den Mann als ein polygames Wesen betrachten, täuschen sich nicht, sie berücksichtigen aber nicht die affektiven und kulturellen Bedingungen, die heutzutage für die Verwirklichung eines befriedigenden Beischlafs erforderlich sind. Der Mann kann sich jedesmal nur auf eine Frau polarisieren, wie wir dies sogleich sehen werden.
Katholische Ethnologen haben versucht, die Rechtmässigkeit der Monogamie zu beweisen, indem sie sich unter andern auf die monogame Ehe der Pygmäen stützten, die angeblich der Eheform unserer Ureltern, Adam und Eva, entspricht. Leider stimmen die Erfordernisse der Wissenschaft nicht mit denjenigen der Dogmatik überein. Oder sagen wir glücklicherweise, da dies unseren geistigen Ahnungen erlaubt, trotz ihrer Einverleibung in ein Dogma bestehen zu bleiben.
Das Gesetz, die Autorität und die Erziehung zur Freiheit
Wie soll man die Familie schützen? Dieses Problem trachtet man heutzutage besonders vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu lösen durch Familienzulagen, Prämien, Ausgleichskassen, Steuererleichterungen. Alle diese Anpassungsbestrebungen lassen jedoch die Urprobleme ungelöst. Für diese hat man zwei Möglichkeiten in Betracht gezogen und ausprobiert. Die eine stützt sich auf das autoritäre System und das Gesetz, die andere auf das Freiheitssystem einer erzieherischen Prophylaxe.
Es ist sehr verführerisch zu denken, es genüge, um der Familienkrise abzuhelfen, von der Autorität der Eltern und dem ihnen gebührenden Respekt zu predigen, jedem das "Ehre Vater und Mutter" einzuscharfen, die Heiligkeit der Ehe zu betonen, jegliche Unzucht zu unterdrücken, oder, wie Savonarola, Gehorsam zu erzwingen unter Hinweis auf die ewigen Qualen in den Flammen der Hölle. Dieses System scheint auf solche Menschen Einfluss zu haben, die zur Askese oder zum Puritanismus neigen, sowie auf jene, die eine Stütze suchen, um gegen die Versuchung der Untreue zu kämpfen.
Bevor er gegen Immoralität, Ehebruch, Prostitution und Donjuanismus wettert, sollte der Moralist deren tiefere Ursachen kennen; er wäre vielleicht erstaunt zu erfahren, dass die Dirne frigid und der Don Juan das Opfer der Suche nach einer unmöglichen Liebe, eines übermasses an Ideal ist.
Die Scheidungsgesetzgebung ist in gewissen Ländern strenger geworden; Charakterunverträglichkeit z.B. gilt dort nicht mehr als hinreichender Scheidungsgrund. Diese Erschwerungen werden aber kaum bessere Ergebnisse erzielen als die extreme Haltung der katholischen Kirche. Und was sind das für Ergebnisse ?
Ich habe keine Ziffern zur Verfügung, aber ich kann mit katholischen Psychologen sagen, die es ebenfalls beobachtet haben, dass die Zahl der tatsächlichen Scheidungen bei den Katholiken höher als bei den Protestanten oder den Freidenkern ist.
Je strenger das Gesetz, umso grösser die Versuchung es zu übertreten. Davon zeugt das Alkoholverbot in Amerika, die Todesstrafe und die andern Strafmassnahmen, die die Verbrecher mehr anlocken als abschrecken, und die Lebensmittelrationierung, die sogar den Appetitlösen Appetit wiedergibt und uns anregt, von gewissen Nahrungsmitteln mehr zu verzehren als wir es ohne Einschränkung getan hätten.
Sich auf die heiligen Ehebande berufen kann vielleicht eine suggestive Wirkung ausüben und vor einer Scheidung zögern lassen, aber die tieferen Gefühle werden dadurch nicht berührt. Bevor die Ehe zu einem Sakrament erklärt wurde, war sie von der primitiven Kirche ohne Segen zugelassen.
Dann, bis Mitte des 16. Jahrhunderts, wurde sie vom Klerus als ein Zugeständnis an die menschliche Schwache betrachtet und ausserhalb der Kirche, in der Vorhalle eingesegnet. lm Gegensatz zur katholischen Kirche betrachtete die Reformation die Ehe als einen weltlichen Vertrag und die moderne, durch Milton und die Puritaner im 17. Jahrhundert verkündete Reaktion machte daraus glücklicherweise eine Privatangelegenheit, eine Entscheidung, die durch freiwillige Einwilligung gelost werden konnte.
Diejenigen, die mit Thomas von Aquino - und es sind nicht nur Junggesellen - ihren Glauben an die Heiligkeit der Ehe dadurch begründen, dass sie sagen, die Trauung sei ein Sakrament, "weil sie ein Heilmittel für die Bekämpfung der Lüsternheit ist" (Die Ehe, Sup. Summa Art. 4/4), verschliessen sich jegliche Möglichkeit ehelichen Glücks.
Will das heissen, dass man in Anbetracht des Versagens des Autoritätssystems die freie Ehe befürworten sollte? Für das Ehepaar wäre das Übel vielleicht nicht so gross, aber für die Kinder wäre die Lage noch schlimmer.
In einem Freiheitssystem muss die grösste Disziplin herrschen, und nur eine auf genauen psychologischen Tatsachen fussende Erziehung ist fähig, eine prophylaktische Wirkung auszuüben und ein gesundes Gleichgewicht herzustellen; wir werden am Schlusse unserer Betrachtungen darauf zurückkommen.
Wie die Einstellung zur Ehe ist auch die Moral eine zweifältige: es gibt eine Ethik des Zwanges, der Autorität, und eine Moral der Freiheit, der Autonomie.
In seiner Studie über den Ursprung des moralischen Gefühls, hat Piaget ein sehr gutes Bild dieser beiden Verhaltungsweisen an Hand des kindlichen Spiels entworfen. Für die Kleinkinder sind die Spielregeln von den Grosseltern oder dem lieben Gott aufgestellt worden, aber ebenso wie diejenigen, für die das Gewissen die Stimme Gottes ist, betrügen sie im Spiel und suchen die Regeln zu umgehen. Von den älteren Kindern wird die Spielregel freiwillig angenommen, weil sie sie selbst geschaffen haben und sie abändern können, wenn sie ihnen nicht mehr gefällt. Zum grossen Schaden der Geistesfreiheit, werden noch die meisten Menschen vom kindlichen Glauben geleitet "das Gute bestehe darin, dem Willen der Erwachsenen zu gehorchen, das Übel, nach seinem Kopfe zu handeln". So erklärt sich die Macht, die das Recht des Stärkeren auf die Menge ausübt.
Das Wesen der Eheprobleme und -konflikte
Betrachten wir nun das wahre Wesen des Ehe- und Familienproblems.
Nach Dr. Tournier gibt es keine Ehe-, sondern nur individuelle Probleme (Medizin der Person, S. 92). "Wenn jeder Ehegatte in aller Stille vor Gott seine eigenen Fehler zu erkennen sucht, seine Sünde bekennt und den andern deshalb um Verzeihung bittet, gibt es keine Eheprobleme mehr". Für alle jene, die diese Idee teilen, wäre Heiligkeit gleichbedeutend mit Gesundheit, und Förster in seiner "Geschlechtsmoral und -pädagogik" (Verlag Blond et Gay 1931, S. 144) schreibt: "Der wirklich religiöse Mensch leidet nicht an verdrängten Komplexen, gerade weil er, was auch geschehen möge, vor Gott im klaren ist, und weil er, ohne sich zu täuschen, durch die Reue, die Busse, die Sühne oder die echte geistige Entgiftung, jedes Lebenselement gebührend zu behandeln vermag". Diese Verwechslung zwischen Heiligkeit und seelischer Gesundheit erscheint deutlich in der Tatsache, dass die Eheschwierigkeiten und die Neurosen die moralischen und religiösen Personen nicht verschonen.
Das Mittelalter, das den Heiligen überschätzte, hat nicht bemerkt, dass dieser im allgemeinen unfähig war, sich der Wirklichkeit des Ehelebens anzupassen.
lndem man die Wirklichkeit der Probleme leugnet, wird man notwendigerweise dazu gelangen, die durch eine Unbefriedigtheit in der Liebe bedingten Konflikte auf dieselbe Art zu lösen, wie Herr Visser't Hooft in seiner Studie über "Das geschlechtliche Problem" (Foi et Vie Nr. 88) wo es heisst: "Wenn Gott uns kein inniges Verbundensein schenkt, wenn wir inner- wie ausserhalb der Ehe einsam bleiben und doch unser körperliches Wesen die Befriedigung seiner Begierde verlangt, dann müssen wir uns in diese Prüfung fügen, sie betend und kämpfend tragen und die Heiligkeit des Gebotes anerkennen, sogar wenn wir es übertreten, wohl wissend, dass uns Gott nur dann vergeben wird, wenn wir unsere Sünde Ihm gegenüber bekennen".
Wenn wir das Problem der Unbefriedigtheit lösen wollen, handelt es sich nicht darum, das Abnorme wie einen Gottesbefehl anzunehmen, oder sich gegen eine unbefriedigende Lage zu empören, sondern das Normale anzunehmen, und darum die Grundlage neurotischer Konflikte zu analysieren und aufzulösen, um so über freie Glücksmöglichkeiten zu verfügen.
Wir können das Glück nur erobern, wenn wir uns von unserer unbewussten Moral befreien. Dieses ferne Echo der elterlichen Verbote klingt noch in uns nach und mahnt uns, dass wir folgsame Kinder bleiben sollen, die nicht das Recht haben, von der verbotenen Frucht der Geschlechtlichkeit und der Erkenntnis (Tabu) zu kosten. Wir müssen versuchen, uns dieses moralischen Zwanges bewusst zu werden, der nur deshalb so stark ist, weil er in unserer kindlichen oder unbewussten Furcht wurzelt, die Liebe der Eltern zu verlieren. Wir müssen lernen, auf uns selbst gestellt zu sein, eine Persönlichkeit zu werden; denn wer sein Leben gewinnen will (indem er sich an die Vergangenheit klammert), wird es verlieren, aber wer es verliert (indem er sich der Zukunft zuwendet), wird es gewimnen.
Die Quelle der Konflikte
Befragen wir einen Advokaten über die Ursachen der zur Scheidung führenden Konflikte; er wird uns durch ein unentwirrbares Gestrüpp von Schwierigkeiten führen: Alkoholismus des Vaters, Büroarbeit der Mutter, lange Trennungen wegen Militärdienst, überanstrengung, Altern, Geldschwierigkeiten, Sorgen, schlecht zusammenpassendes Alter, die verschiedensten Zerstreuungsursachen des gegenwärtigen Lebens, Geschmacks-, Charakter- oder Meinungsverschiedenheiten oder auseinandergehende Ansichten in bezug auf die Kindererziehung.
Und wenn es einem einfiele, die eine oder die andere der mit diesen Schwierigkeiten kämpfenden Personen über ihr intimes Eheleben zu befragen, so würden uns die Antworten zeigen, dass immer schon vor dem Auftreten der unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten und Probleme eine Spannung besteht.
Daraus kann man den Schluss ziehen, dass diese tausend und eine Konfliktursachen nur Symptome sind, deren eigentliche Ursache in einem persönlichen Konflikt besteht, der es dem Ehepaar nicht erlaubt, seine Einheit zu verwirklichen. Und tatsächlich ist dies der Fall; die Grundursache der Ehekonflikte ist eine Unbefriedigtheit, und alles übrige ist nur ein Vorwand, um seine schlechte Laune zu äussern.
Da ein jeder in die Ehe seine persönlichen Konflikte oder seine Neurosebereitschaft mitbringt, so ist die Verwirklichung eines normalen Geschlechtslebens nicht immer leicht; aber wenn wir wissen, dass unsere Familienkonflikte aus dieser Schwierigkeit entspringen, so werden wir eher suchen, eine wahre Ehe zu verwirklichen als uns in nutzlosen Erörterungen über falsche Probleme zu verirren.
Die Konflikte, die ausserhalb der Ehe ausbrechen, sind ebenfalls durch eine Unbefriedigtheit bedingt, die entweder yom Eheleben oder von schlechten affektiven Beziehungen zu anderen stammen. Nicht die Ideen, sondern die Gefühle trennen also die Menschen voneinander. Dies beweist das Freundschaftsband, das zwischen einem Katholiken und einem Freidenker oder einem Protestanten bestehen kann. Trotz beträchtlicher Meinungsverschiedenheiten in bezug auf doktrinäre Fragen, wird man mit dem Himmel leicht einen Vergleich schliessen können.
Erklärung und Theorie der Konflikte
Bevor wir an Hand einiger Fälle, mit denen wir uns in Lyon beschäftigt haben, die wesentlichen Grundsätze erlautern, zu denen wir gelangt sind, wollen wir versuchen, uns ein Mindestmass an theoretischen Kenntnissen anzueignen, um den Sinn dieser Ehekonflikte und -probleme zu finden.
Beginnen wir mit der Liebe. In der ehelichen Liebe verschmilzt der Geschlechtstrieb mit dem Familiengefühl; sie ist also zweifacher, körperlicher und seelischer Natur. Es ist ein Irrtum, diese beiden Pole voneinander trennen zu wollen, und diejenigen, die im Geschlechtsakt nur eine nebensächliche Kleinigkeit sehen, die das Individuum nicht verpflichtet (1 Kor. 6/16), sind unfähig, sich gegenseitig glücklich zu machen, ebenso wie jene, die meinen, man solle über eine möglichst grosse Sittenfreiheit verfügen und die die seelische Seite der Liebe vergessen
Viele Männer, die sich mit ihrer Frau wie mit ihrer Mutter benehmen, leiden an geschlechtlichen Störungen oder sogar an Impotenz; dagegen können sie sich gegenüber einer Dirne, also einer dem mütterlichen Ideal entgegengesetzten Frau oder sogar gegenüber ihrer Gattin, wenn sie sie für den Augenblick wie eine Prostituierte behandeln, männlich zeigen, da in diesem Fall die Inzestschranke aufgehoben ist.
Unbewusst fürchten die Mütter oft die Braut, die Rivalin, mehr als die Dirne. Ein Student der Medizin erzählte mir, seine Mutter, die sehr an ihm hing, hatte ihm gesagt: "Ich will nicht, dass du andere Freundinnen hast als mich, aber zu Prostituierten magst du immer gehen".
Was die Frau betrifft, so wird sie, wenn sie ihren Gatten wie ihren Vater liebt, frigid sein und ihr Herz an andere, besonders an ihren Sohn hängen, dessen Leben sie durch ihre inzestuose Liebe vergiften wird. Mehrere Male habe ich einfache Leute sagen hören : "Wenn du deiner Frau ein Kind schenkst, wirst du um fünfzig Prozent in ihrer Liebe sinken".
Tatsächlich muss das Kind von seiner Geburt an einer gewissen Ordnung gehorchen, seine körperlichen Funktionen werden in strenge Zucht genommen, was seinen zukünftigen Charakter bestimmt. In allen seinen Geschlechtsaäusserungen wird es streng im Zaume gehalten. Das Spiel der Masturbation, das ungefähr im siebenten Monat anfängt, bleibt bis zu zwei oder drei Jahren mehr oder weniger unbemerkt. Von da an macht sich oft die Unterdrückung durch allerlei Drohungen geltend, und es beginnt die sexuelle Verdrängung, die die besondere Form des lnzuchttabu annimmt, wenn der Knabe seine Mutter zu erobern sucht, und das Mädchen seinen Vater.
Die Geschlechtstriebe, die eine grosse Energiemenge binden, verschaffen dem Organismus durch ihre Befreiung die grösste Lust; daher wird alles, was dem Kinde als ein Vergnügen erscheint, Gefahr laufen, Schuldgefühle auszulösen.
Die Tätigkeit des kindlichen oder kindlich gebliebenen Gewissens besteht vor allem darin, nach dem Beispiel der Erzieher, die es ausgebildet haben, "Nein" zu sagen. Und jedesmal, wenn das Kind sich dem Vergnügen nähert oder sich, wie Prometheus, des Feuers zu bemächtigen wagt, wird es vom Gefühl der Sünde verfolgt infolge Eingreifens der unbewussten Moral, die mehr oder weniger schwer auf seinem Ich (Überich) lastet. Wenigen Erwachsenen gelingt es, sich von diesen inneren Verboten zu befreien, um sie durch ein erwachsenes oder selbständiges Gewissen zu ersetzen. Wir bleiben sehr oft am ersten Stadium hängen, das vorher in bezug auf die Bedeutung der Spielregeln beim Kinde beschrieben wurde.
Als Opfer unserer Tabus sind wir bestrebt, darin den Willen Gottes, oder einen Beweis unserer Geistigkeit zu sehen, während es sich nur um introjizierte väterliche oder mütterliche Verweise handelt. Zwar versteht es sich von selbst, dass die Kultur und die Zivilisation sich nur dank der bewussten Unterdrückung der Instinkte, oder dank ihrer psychologisch begründeten Verwendung entwickeln können; die im Unbewussten wirkenden Verdrängungen nehmen jedoch die Form individueller Symptome an.
Alle Neurosen und Konflikte entspringen aus der Spannung zwischen dem bejahenden Ich und der verneinden unbewussten Moral (Überich); der Mensch findet seine Befreiung, wenn er das "Ja" seiner unbewussten Moral aufzudrängen wagt.
Die biologische Ursache der Lust, der Libido, muss man in der durch die Hormone, die anregenden Erzeugnisse der innersekretorischen Drüsen, geschaffenen Spannung suchen. Das lngangsetzen dieser Energie, dieser Spannung, kann sich nach drei Richtungen vollziehen: im Sinne der lnstinkte oder, noch besser, der Triebe, im Sinne der Sublimierung oder der Tätigkeit, und im Sinne der Neurose. Je nach den Fixierungen in den verschiedenen Gefühlsstadien und je nach den durch die Erziehung erzeugten Verdrangungen wird die Libido in einer oder der anderen Richtung ablaufen.
Es ist menschlich unmöglich, seine Energie ausschliesslich nach der Richtung der Sublimierung, der Aktivität oder der Heiligkeit abfliessen zu lassen. Der Organismus erträgt dies nicht ohne Erzeugung einer Neurose, oder vielmehr ist die Ursache eines solchen Strebens in einer Neurose zu suchen. Schon Pascal hatte bemerkt, dass wer ein Engel sein will, ein Tier wird. Man muss anerkennen, dass im allgemeinen die Neurose, oder die Bildung von Konflikten und falschen Problemen bei den meisten Menschen die grösste Menge Lebenskraft in Anspruch nimmt.
Jedesmal wenn die Wirklichkeit zu schwer, zu prometheisch erscheint, entflieht ihr das Kind oder der Erwachsene angstvoll und lenkt diese Gefühlsenergie in leichtere, kindlichere und oft aggressive Bahnen, wodurch die Konflikte nur mit Hass geladen werden.
Nach diesem kurzen Überblick sind wir imstande, uns davon zu überzeugen, dass der Ausdruck "Das ist nervös", den man in bezug auf Ehekonflikte und Charakterstörungen gebraucht, nichts bedeutet, da bei diesen Stürungen die Nerven nur ein Instrument, ein Mittel sind, während die Ursache im Geiste, im Unbewussten liegt. Die verschiedenen Fälle, die wir betrachten wollen, werden diesen Begriff der Psychogenese genauer bestimmen.
Analyse einiger Fälle
Die Konflikte erscheinen manchmal schon deutlich während der Zeit, die der Trauung vorangeht. Am Tage vor seiner Verlobung mit der Leiterin eines alkoholfreien Restaurants betrinkt sich ein 40jähriger Mann, der seit fünfzehn Jahren ein überzeugter Abstinenzler ist, auf schreckliche Art.
Warum trinkt er ? Es ist leicht, eine Misserfolgsneurose zu diagnostizieren, die ihm erlaubt, seine Verlobung aufzulösen und bei seiner Mutter zu bleiben.
Dieser Mann, der vierzig Jahre lang am Schürzenband seiner Mutter hing, wusste nicht, dass es ihm unmöglieh war, sich von ihr loszureissen, wie auch sie sich nicht von ihm trennen konnte.
Sie wies ihn oft von zu Hause, indem sie ihm befahl, "seine Verantwortung zu übernehmen", und als er, um männlich aufzutreten, die Treppe hinunterstieg, war ihm seine Mutter vorausgeeilt, wartete unten auf ihn und hiess ihn wieder hinaufsteigen.
Die Hauptschwierigkeit, die ich zu überwinden hatte, als ich mich mit diesem Mann beschäftigte, war der unbewusste Widerstand seiner Mutter gegen seine Heilung, seine Befreiung. Obwohl sie wusste, dass ihr Sohn die Kosten seiner Behandlung zu tragen hatte, liess sie sich dennoch das Geld mühsam ablisten, weil dieses System ihren Sohn zwang, immer von ihr abzuhängen und ihr erlaubte, ihn dank seiner Neurose zu behalten.
Einmal sogar, als er betrunken heimgekehrt war, versuchte sie sich mit ihm im Tode zu vereinigen, indem sie die Gashähne öffnete.
Die Tragödie dieser Familie kommt hauptsächlich von einer schlechten sexuellen Erziehung. Als die Mutter entdeckt hatte, dass ihr Mann onanierte, wollte sie keinen Verkehr mehr mit ihm haben, da sie in ihrer Einfalt fürchtete, ein blödsinniges Kind zu erzeugen.
Sie wandte sich dann ihrem Sohn zu, vergiftete ihm sein Gefühlsleben und zwang ihn bis zum siebenten Jahr, die Flasche zu nehmen. Diese Abhängigkeit von der Mutter drückte sich seelisch durch das Bestehen eines Gewissens aus, das ihm dieselben Vorwürfe machte wie diese. Er malte sich selbst sehöne moralische Vorstellungen aus, die aber wie ein ihm fremder Mechanismus funktionierten, ohne auf sein Ich einen wirklichen Einfluss auszuüben, ganz wie die Spielregel beim Kleinkind.
Oft muss man die Ursache einer Flucht in den Alkoholismus oder einer Sucht nieht nur in einer ehelichen Unbefriedigtheit suchen, sondern hauptsächlich in einer starken Fixierung an die Mutter (…dipuskomplex), also in einer schlechten Erziehung. Unser Fall von Misserfolg der Braut, der Frau gegenüber, lässt uns an der Wahrheit des Spruchs zweifeln, der besagt : "Guter Sohn, guter Gatte".
Übrigens lieben es die Mütter gerade dies en "guten Söhnen" zu sagen : "Wenn es (mit deiner Frau) nicht geht, kannst du immer zurückkommen".
Da ist ein von Scheidung und Selbstmord bedrohtes, schon zwölf Jahre verheiratetes Ehepaar. Der Mann, ein ausgezeichneter Maler, wurde zwischen einem alkoholischen und heftigen Vater und einer dumpfen, neurasthenischen Mutter erzogen, die ihren Sohn wie ein Mädchen behandelte.
Als sie ihn mit fünf Jahren wie einen Knaben kleidete, fragte er sie, wie er geheissen habe, als er ein kleines Mädchen war. Da die männliche Ausbildung gefehlt hatte, nahm er eine Haltung ein, die der des Vaters entgegengesetzt war und identifizierte sich mit seiner Mutter. Da jedes geschlechtliche Verlangen der Mutter gegenüber mehr oder weniger eine Schuld bedeutet, so betrachtete er die Frau als verboten und unrein und schämte sich seines Geschlechts vor ihr. Er flüchtete sich in die einzige erlaubte Liebesart, die Selbstliebe (Narzissmus), so konnte er in den andern nur das Ebenbild seines eigenen Geschlechts, den Mann, suchen (Homosexualität).
Nach zahlreichen homosexuellen Abenteuern machte er einen Versuch ehelichen Lebens, natürlich mit einer männlich veranlagten Frau, die jedoch aus Idealismus niemals die Hosen anhaben wollte. Sie stellte sich einmal im Traume folgende Frage: "Was für einen Unterrock tragt mein Gatte"?
Er suchte in ihr einen Mutterersatz und behandelte sie zugleich wie ein Püppchen, da er gezwungen war, sie zu entweiben, um sie lieben zu können; so gab er sich über seine tiefe Unbefriedigtheit keine Rechenschaft, bis plötzlich eine Depressionskrise ausbrach.
Dass seine Frau unbefriedigt war, dies schien ihm ganz selbstverständlich. Er hatte gelesen, fünfundvierzig Prozent aller Französinnen seien frigid und rechnete einfach seine Gattin zu dieser Kategorie.
Das bewusste Ich verteidigt sich manchmal sehr heftig gegen die Rolle, die ihm das Unbewusste aufbürden will. Der Mann behauptete z. B. niemals in seiner Frau eine Mutter gesucht zu haben, und vergass dabei einen Brief, worin er ihr geschrieben hatte: "Alle Männer wollen ihre Frauen ausnützen, möchten geliebt und verzärtelt werden, mit einem Wort wieder ein Kind im Schosse ihrer Mutter sein, auf die sie immer zählen können und deren Herz nie aufhört für sie zu schlagen, obwohl sie es oft mit Füssen treten.
Dass ich mich in meiner Wahl getäuscht haben soll, ist mir äusserst peinlich, denn alle Männer ohne Unterschied suchen in ihrer Frau eine zweite Mutter".
Die Schutzmechanismen des Ichs gegen den Vater, die Gesellschaft oder den Analytiker nötigten ihn, zu behaupten, er hätte in seiner
Frau nie eine Mutter gesucht, und als die Krisis seiner Gattin ihn zwang, seinen unbewussten Wunsch zu enthüllen: er suche in seiner Frau eine Mutter, rechtfertigte er sich, indem er verallgemeinerte : alle Männer tun dasselbe. Bei diesen höher begabten Männern, Künstlern oder €stheten sticht der Gefühlsinfantilismus gegen ihre scharfe Intelligenz grell ab.
Die Schwierigkeit ihrer Heilung liegt in der Tatsache, dass sie in sich selbst verliebt sind, an ihrer Neurose wenig leiden und alles Normale hassen, so dass alles was sie von der Wirklichkeit verstehen können, sie nicht berührt, wenn sie sich nicht entscheiden, die Partei des Analytikers gegen sich selbst zu nehmen.
Dieser Fall schlechter gegenseitiger Polarisation, wo der Gatte zu passiv, zu weiblich, die Gattin zu männlich (Diana) ist, stellt mit dem Doppelpaar Frau-Mutter und Mann-Kind eine der wichtigsten Scheidungs- und Ehekonfliktsursachen dar.
Diese Sympathie (Homosexualität), die die Gatten zueinander zog, macht aus ihnen die besten Gefährten, aber sobald es sich darum handelt, eine Familie zu gründen, wirklich ein Ehepaar zu bilden, geht es nicht mehr. Auf diese Unglücklichen passen folgende Zeilen Flaubert's trefflich : "Zwischen zwei Herzen, die aneinander schlagen, liegen Abgründe; zwischen ihnen ist das Nichts.... Die Seele kann tun, was sie will, sie vermag ihre Einsamkeit nicht zu durchbrechen". (An einen Freund, 1852).
Bevor sie einen Advokaten zu Rate ziehen, sollten sie sich an einen Psychoanalytiker wenden, dessen Kunst dem einen seine Männlichkeit zu verstarken, der andern in ihre Weiblichkeit einzuwilligen gestatten würde.
Ich habe zahlreiche Fälle beobachtet, wo die Umgebung in diesem Sinne hatte einschreiten können. Aber unter dem Vorwande unserer Schüchternheit, oder indem wir uns sagen, dass wir uns nicht in etwas einmischen sollen, was uns nichts angeht, ziehen wir vor, im Geheimen uns über die Schwierigkeiten anderer zu freuen (Schadenfreude) und die Lage sich bis zur Scheidung verschlimmern zu lassen, da dies uns erlaubt, unsere eigenen Konflikte nach aussen zu projizieren und sie als Zuschauer zu betrachten, wobei wir für den einen oder den andern Gatten, wie in einer Komödie, Partei nehmen.
Betrachten wir nun den Fall einer frigiden Frau, die sich analysieren liess, um mit ihren Kindern nicht dieselben Fehler zu begehen, wie ihre Eltern mit ihr, und weil sie sich überzeugt hatte, dass sie dies nicht erreichen könnte, ohne ihr eigenes Problem gelöst zu haben. Sie hatte unter dem Mangel an wahrer Eintracht zwischen ihren Eltern und der Lieblosigkeit ihrer Mutter gelitten. War der Vater gut zu ihr, wurde die Mutter böse und zürnte der Vater, war die Mutter freundlich.
Die durch eine Reihe unerwünschter Geburten sehr geschwächte Mutter gab ihrer jüngsten Tochter hart zu fühlen, dass sie der ärgste Fluch für sie sei. Und trotzdem wollte die Tochter aus unbewusster Eifersucht ebensoviel Kinder haben wie die Mutter. Nachdem sie alle Frauenärzte der Stadt zu Rate gezogen hatte, starb diese Mutter in einem Erholungsheim; nicht genug an dem, dass sie ihren Mann wie einen Bedienten behandelt hatte, sie konnte ihm so auch noch ihre Unbefriedigtheit heimzahlen.
Der Vater, ein würdevoller und frommer Mann, der regelmässig der Messe beiwohnte und jeden Tag seine kalte Dusche nahm, fand seine Hauptbefriedigung in der Beherrschung seines Fleisches und im Verzicht auf alles, was ihn erfreuen konnte.
"Mein Vater", sagte sie, "befahl uns, Gott zu bitten, uns unsere Sünden abzunehmen, von denen wir keine Ahnung hatten. Was wir auch taten, stets lautete die Antwort : "Nein". Alles, was geschah, war eine Strafe Gottes. Ich wagte nicht mich am Nachtisch zu freuen, denn der väterliche Blick befestigte mich im Gefühl meiner Schuld. Sobald ich leben wollte, schien es mir, ich müsse immer jemand um Erlaubnis bitten". Um diese Lehre in ihr Fleisch zu brennen, fand ihr Vater Gelegenheit, sie moralisch zurechtzuweisen und gab ihr Schlage mit der Rute, indem er sie auf seine Knie legte.
Diese Gewaltaten binden die Kinder viel stärker an die Eltern als eine übertriebene Zärtlichkeit, denn sie stellen eine Vergewaltigung dar, und das Kind fürchtet sehr, die Liebe seiner Eltern zu verlieren. Da sie sich für verdammt hielt, obwohl sie sich weigerte, an den Teufel (den bösen Vater) zu glauben, bat ich sie, sich vorzustellen, was ihr in der Hölle geschehen würde; und da sah sie wahrhaftig den Teufel (d. h. ihren Vater), der sie mit seiner Gabel durch und durch stach.
Diese Szene erinnerte sie an eine ehemalige Tracht Prügel, und da diese Art Vergnügen im Paradies nicht erlaubt ist, hoffte sie dunkel es in der Hölle wiederzufinden und rechnete unbewusst auf ihre Verdammung. Sie versuchte, es schon hienieden wieder zufinden indem sie zur kindlichen Onanie zurückkehrte, und eine besondere Lust bei den Klistieren empfand.
Ebenso wie die kalten Duschen, befriedigen die Klistiere und die Reinigungseinspritzungen zugleich das Streben nach Lust und das Schuldgefühl.
Nach ihrer Heirat entdeckte sie diese Gewohnheiten wieder, und es schien ihr, als sei es ihr endlich gelungen, jene Lust zu empfinden, von der man soviel spricht; aber es war ihr noch nie in den Sinn gekommen, dass eben dieses Vergnügen für den Geschlechtsverkehr wesentlich sei. Für sie war dieser Verkehr nichts als eine "Unterwerfung", die wirkliche eheliche "Pflicht", der man die Worte "Ich bin zum Opfer bereit", vorausschicken konnte.
Diese Frigidität in der Ehe und dieser Orgasmus in der Onanie sind immer Kennzeichen seelischer Störungen. Mit ihrem Gatten benahm sie sich wie ein Kind, das sie tatsächlich geblieben war; sie drückte ausserdem ihren Widerstand gegen die Ehe, wie viele Menschen, die unter Schwierigkeiten leiden, dadurch aus, dass sie mit ihrem Ehering spielte und ihn sogar verlor. Es schien ihr manchmal, sie liebe alle Männer, ausser ihrem Gatten. Vor ihrer Ehe, die sie aus Gehorsam zu ihrem Vater geschlossen hatte, hatte sie verheiratete oder unzugängliche Männer, d. h. Vaterersatzpersonen geliebt, und seitdem war sie in ihren Schwager verliebt. Einerseits musste sie mit ihrem Mann, den sie seelisch liebte, geschlechtlich verkehren, und andererseits ihrem Schwager, den sie geschlechtlich liebte, nur platonische Gefühle zeigen.
Man versteht diese geteilte Liebe, wenn man sich vorstellt, dass ihr Gatte mit zärtlicher Kindesliebe, aber nicht sexuell (inzestuös) geliebt werden durfte, weil er den Vater versinnbildlichte, und ihr Schwager, ein unerreichbares Liebesobjekt, körperlich geliebt werden durfte, weil die unbewusste Moral nichts zu fürchten hatte.
Diese Bindung an den Vater enthält immer eine Mischung von Hass und Liebe (Ambivalenz). Als Kind betete sie, ihre Eltern mögen zur Hölle fahren, und als junges Mädchen verbrachte sie die Ferien in einer Pension, wo sie sich einem Arzt eröffnete der sie wie seine Tochter behandelte.
Eines Abends klopfte sie an dessen Tür, um ihm ihre Sorgen zu erzählen, aber er bereitete sich schon vor schlafen zu gehen.
Wie eine von ihrem Geliebte verstossene Frau, flüchtete sie sich in ihr Zimmer und nahm ein Beruhigungsmittel, das ihr den Tod bringen sollte. Dadurch musste sie gewiss das Mitleid des Arztes, des Vaters, erwecken, aber man versteht diese Handlung nur, wenn man annimmt, dass sie tatsächlich den Arzt oder den Vater töten wollte.
Denn wir wollen im Selbstmord niemals uns selbst vernichten, sondern unseren Vater oder unsere Mutter, aber da unsere unbewusste Moral (Überich) uns beschuldigt, so wird sich unsere Aggressivität gegen uns selbst wenden.
Diese Frau sagte mir eines Tages sehr aufgeregt, sie kaufe sich Brötchen und Schokolade nach der Sitzung; es sei stärker als ihr Wille, und zu Hause komme sie immer ihren Kindern zuvor, um Süssigkeiten aus dem Speiseschrank zu "stibitzen". Sie brauche eine Entschädigung, wenn sie mich verlasst, denn sie halte sich für schwer geschädigt, da sie ihre unmögliche Liebe (Übertragung) nicht verwirklichen könne. Durch dieses Benehmen belebte sie mehrere schlecht ertragene Entwöhnungen wieder und suchte ihren unbefriedigten Liebesdurst zu löschen.
Bis zu ihrer Duodenal- Ulkusoperation war sie nie wegen Krankheit zu einem Arzt gegangen, sondern einzig und allein, weil sie unbewusst von einem Vater geliebt und geschändet werden wollte. Ihre Passivität, ihr Wunsch etwas zu empfangen, unterstützt zu werden, war tagsüber durch ihre übertriebene Tätigkeit verhüllt; aber in der Nacht löste das Bedürfnis geliebt, ernahrt zu werden eine Magenhypersekretion aus, die ihr Geschwüre erzeugen musste.
In demselben Zusammenhang wünschte sie, ihr erstes Kind kame durch den Mund auf die Welt, da sie diesen sexualisierte, um die Schamteile nicht sexualisieren zu müssen. Ein anderes Merkmal dieser oralen Fixierung war, dass sie vor Küssen auf den Mund, ausser im Traum, Abscheu verspürte.
Dank ihrer Analyse vermied sie es, zu grosse Fehler mit ihren Kindern zu begehen und wurde besonders von ihrem Bedürfnis, Schmerzen zu empfinden und vom Druck ihrer unbewussten Moral (bedrückendes Überich) befreit, die sie glauben gemacht hatte, dass man "je mehr man etwas geniesst, umso stärker bestraft wird".
Die durch die kindlichen oralen und analen Fixierungen verbrauchte Energie konnte sich nun normalerweise in der Geschlechtssphäre der Erwachsenen äussern, und nun erfreut sie sich ihrer Weiblichkeit. (Die Annahme der Weiblichkeit kommt in einem tiefen Orgasmus zum Ausdruck).
Es wäre interessant zu sehen, ob alle diejenigen, die die Psychoanalyse beschuldigen, pansexuell zu sein, nicht, wie die obenerwähnte Person, an einer verdrängten, ihrem natürlichen Zweck entfremdeten Sexualität oder sogar an einer Sexualisierung ihrer Gedanken oder ihres ethischen Lebens leiden.
Tatsächlich sucht gerade die Psychoanalyse dasjenige zu entsexualisieren, was nicht sexualisiert werden darf, indem sie die Libidotriebe organisiert.
Ich möchte noch auf eine sehr häufige Störung aufmerksam machen, die in einer Konsultation oder sogar durch den Ratschlag eines verständigen Freundes behoben werden kann. Viele Verlobte, und besonders Jungverheiratete üben den "unterbrochenen Geschlechtsakt" aus, d. h. sie ziehen sich im letzten Moment zurück, um eine Befruchtung zu vermeiden. Deswegen empfindet der Mann Müdigkeitsgefühle, wie bei jedem physisch oder seelisch misslungenen Beischlaf, anstatt die Entfaltung seiner Männlichkeit zu geniessen; was die Frau betrifft, so können ihre Unbefriedigtheit und ihre Angst sie mit der Zeit dazu bringen, den Geschlechtsverkehr mit Abscheu zu betrachten und vor allem einer Angstneurose zum Opfer zu fallen.
Bevor es Kinder erzeugt, sollte das junge Ehepaar sich bemühen, ein Minimum an Gefühlsgleichgewicht zu erreichen und seine empfängnisverhütende Formel zu finden.
Es wird antikonzeptionelle Mittel während der fruchtbaren Periode benützen und den freien Verkehr während der elf, der Menstruation vorhergehenden Tage ausüben (Ogino-Knaus'sche Methode).
Die katholische Geistlichkeit lässt zwar die Oginosche Methode (Ein moralisches Problem, von Pater Mayrand, O. P.) gelten, hält jedoch im allgemeinen am Prinzip der periodischen Enthaltsamkeit fest, um "die Gewalt der schlechten Leidenschaften" einzuschränken.
Ihrer Sittenlehre gemäss, ist der Verkehr erlaubt, wenn die Frau keine Kinder haben kann, sich in der unfruchtbaren Zeit befindet (Ogino) oder bereits schwanger ist. Es gelingt ihr jedoch nicht, die Menschen davon zu überzeugen, dass zwischen einem solchen Verkehr und der Anwendung von antikonzeptionellen Mitteln während der fruchtbaren Zeit ein wesentlicher sittlicher Unterschied bestehe. Vernunft und Liebe haben hier das letzte Wort.
Vorschläge im Hinblick auf eine erzieherische Prophylaxe
Bei aufmerksamer Prüfung der angeführten Fälle lassen si ch schon daraus die wesentlichen Grundzüge einer erzieherischen Prophylaxe ableiten.
Die erste Pflicht der Eltern den Kindern gegenüber ist, glücklich zu sein, mit anderen Worten, ihre Eheprobleme gelöst zu haben.
Der glückliche Vater wird seinen Kindern weder körperliche noch seelische Gewalt antun; sein Sohn wird sich mit ihm identifizieren, ihn als Beispiel nehmen können und seine Tochter ihn lieben, ohne sich an ihn zu binden. Die glückliche Mutter wird nicht mehr versuchen, mit ihrem Sohn oder ihrer Tochter ein Paar zu bilden, sehr frühzeitig ihre sexuelle Erziehung und Belehrung beginnen und sie bald an die Freiheit gewöhnen.
Die ersten Beziehungen des Kindes zur Umwelt und zur Wirklichkeit sind von gleicher Art wie seine Beziehungen zu den Eltern und von der Liebe, die es selbst erfahren hat, hängt zum grossen Teil seine Fähigkeit ab, Liebe zu empfinden, wirklich persönliche Beziehungen zu den andern und der Wirklichkeit zu unterhalten, und schliesslich im Ehegatten nicht mehr eine Mutter oder einen Vater, sondern sein eigenes Gegenstück, seine Ergänzung zu suchen.
Da der Charakter des Kindes sich durch seine Reaktionen gegenüber der Erziehung zur Reinlichkeit und je nach der Ernährungsart bildet, werden wir seine Entwöhnungsfähigkeiten berücksichtigen und nie mehr von ihm verlangen als es ertragen kann. Das zu frühzeitig oder zu spät rein gewordene Kind, oder dasjenige, das lange Zeit sein Bett nässt, beweist uns dadurch, dass seine Erziehung nicht beendet ist.
Die psychologischen Bedingungen der Geschwister sind sehr verschieden. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist es nicht angebracht, vor den Kindern sie miteinander zu vergleichen; dagegen ist es richtig, die Familienältesten oder -jüngsten zum Vergleich heranzuziehen. Bei seiner Geburt findet jedes eine andere Umgebung und muss zu mehr oder weniger günstigen Zeitpunkten die Ankunft neuer Rivalen ertragen; daher soll man sich nicht über die grossen Unterschiede in einer und derselben Familie wundern, die viel mehr durch die Reaktionen auf die Umgebung als durch die organische Strukturen bedingende Erb- und Ahneneinflüsse bestimmt sind.
Bei jeder neuen Geburt sollten wir also unseren älteren Kindern noch mehr Liebe zeigen, damit sie sich nicht benachteiligt fühlen.
Die glücklichen Eltern sind auf die Geschlechtlichkeit und Freuden ihrer Kinder nicht eifersüchtig. Deren sexuelle Fähigkeiten werden nicht plötzlich bei der Pubertät oder am Tage der Hochzeit entstehen, sie machen eine ganze Entwicklung durch, die man ja nicht stören soll.
Das Onaniespiel ist mit natürlichem Lustgefühl verbunden und scheint für die normale Entwicklung des Kindes notwendig.
Das sich Frei und ungehemmt entfaltende Kind, wird nicht Verdrängungen zum Opfer fallen, die Zuckungen (Tics), Stottern, Asthma, Minderwertigkeitsgefühle oder eine von einer übertriebenen (reaktionnellen) Onanie begleitete Empörung zu erzeugen vermögen
Was die Dressurmethode betrifft, die zu jeder Erziehung gehört, so müssen wir sie mit überlegung (bedingte Reflexe) und Liebe (Verständnis) anzuwenden wissen.
Das Schlag- oder Züchtigungssystem (Schnelligkeitsmethode) ist eine wahre Erziehungspfuscherei, und erzeugt eine Gleichgewichtsstörung zwischen den erregenden und hemmenden Kräften (Neurose) ; ausserdem kann es masochistische Bestrebungen erwecken.
Tatsächlich ist noch nie ein Hieb in einer erzieherischen Absicht gegeben worden, oder hat wenigstens zu einem positiven Ergebnis geführt; es handelt sich hier immer um ein Entladungsmittel für die Eltern, die, indem sie das Kind prügeln, sich selbst schlagen und so ihre schuldigen Wünsche bestrafen,die sie im Kinde verkörpert sehen.
Die Eltern verspüren das Bedürfnis einen Zwang auszuüben, genau so wie der verbrecherische Neigungen verspürende Richter einen strengen Druck ausübt, oder wie der Zweifler sich mit einem starren Dogma umgibt. Je grosser die innere Freiheit der Eltern sein wird, umso weniger werden sie versuchen, die Freiheit des Kindes einzuschränken.
Kein Gefühl ist dem Kinde angeboren, alles muss erst geschaffen werden und bildet sich durch den Kontakt mit der Umgebung aus. So soll man z. B. das Schamgefühl, das beim kleinen Mädchen dem Bedürfnis entspricht, das Nichtvorhandene zu verbergen, und beim Knaben der Furcht, das Vorhandene zu verlieren (Kastrationskomplex), mit viel Takt leiten, so dass vor allem das Mädchen sich nicht benachteiligt fühlt und späterhin eine querulante Haltung annimmt, die bewirkt, dass sie ledig bleibt oder frigid wird.
Wir schliessen, indem wir uns an die Erzieher wenden und sie bitten, bei der Erziehung, des Gewissens, niemals zu vergessen, dass "die Liebe die Furcht austreibt" (1 Johannes 4/18) und dass die Kenntnis die einzige Arznei gegen die Angst ist.
Einerseits sagt die Bibel: "Ehre Vater und Mutter" (Exodus 20/12) aber andererseits : "Du sollst Vater und Mutter hassen" (Lukas 14/26).
Geben wir uns Mühe, dass die Kinder ihre Eltern nicht zu hassen brauchen, um die Jünger des Herrn zu sein, den sie wählen werden; wenn dies allen gelingt, wird die Menschheit nicht mehr unter dem Alpdruck eines fürchterlichen (teuflischen), den Eltern nachgebildeten Gottes zittern, sondern schon im Diesseits an einen Gott der Liebe glauben.
OUVRAGES DISPONIBLES :
La Psycho-dynamique - (37 planches de psychanalyse)
Delachaux & Niestlé, Neuchâtel, (1952)
Le cheminement de l'homme vers la pensée scientifique (Internet)
Moi et les autres, Delachaux & Niestlé, Neuchâtel, (1952)
Comment on devient psychologue aujourd'hui ? (2004)
La biologie comportementale (in´dit)
Nous sommes les enfants des étoiles (Internet)
Vieillir en Beauté et en Sagesse
Site internet : Georges Dubal